Der Informationsraum
#001 Merz und die neue BReg; Beeinflussung der BTW 2025; Blackout in Spanien; Rumäniens Wiederholungswahl; Indien vs. Pakistan; Games gegen Desinformation
Es gibt Sachen, die gibts gar nicht. Und trotzdem haben diese Unwahrheiten einen spürbaren Effekt.
Willkommen zur ersten Ausgabe des Informationsraums – dem zweiwöchentlichen Briefing zu Desinformation, kognitiver Kriegsführung und strategischer Einflussnahme im digitalen Zeitalter – für alle, die hinter Schlagzeilen blicken, Muster analysieren und sich nicht täuschen lassen wollen. In Gesellschaften, in denen der Kampf um Aufmerksamkeit, Deutung und Wahrheit zunehmend strategisch geführt wird, wollen wir Entwicklungen sichtbar machen, die oft unterhalb der Schwelle klassischer Sicherheitsbedrohungen operieren – aber tiefgreifende gesellschaftliche Wirkung entfalten.
In unserer ersten Ausgabe widmen wir uns folgenden Ereignissen:
Kein Strom = Kein Faktencheck: Desinformation im Kontext des spanischen Blackouts
Desinformation und kognitive Kriegsführung im Konflikt zwischen Indien und Pakistan
Für die Pause: Mobile Games GEGEN Desinformation: The FEED
Die neue BReg und RUS Desinfo
Was ist passiert? - Zunächst wurde bekannt, dass die CDU Deutschlands rechtlich gegen eine gefälschte Website vorgeht, die den offiziellen Internetauftritt des neuen Bundeskanzlers imitiert. Auf der Seite werden gezielt Desinformationen zu Geflüchteten aus der Ukraine, Migrationspolitik und Maßnahmen der neuen Bundesregierung verbreitet. Die Inhalte entsprechen gängigen pro-russischen und pro-AfD-Narrativen – etwa durch Behauptungen über angebliche Geldgeschenke an ukrainische Geflüchtete oder exklusiven Wohnungsbau für Migrant*innen. Laut CDU steht man hierzu im Austausch mit den „zuständigen Behörden“, das Bundesinnenministerium (BMI) bestätigte Ermittlungen und verwies auf „inhaltliche Überschneidungen“ mit früheren Desinformationskampagnen.
Und dann war da noch die Sache mit dem Kokain: Nach der gemeinsamen Reise von Bundeskanzler Merz, dem französischen Präsidenten Macron und dem britischen Premierminister Starmer nach Kiew kursierten virale Posts und Videos, in denen behauptet wurde, auf Fernsehbildern von der Zugfahrt der drei Regierungschefs sei ein Tütchen Kokain zu sehen gewesen. Der berüchtigte US-Verschwörungstheoretiker Alex Jones verbreitete die Falschmeldung prominent, offizielle russische Sprecher stimmten ein – Millionen Social-Media-Nutzer*innen klickten, teilten und diskutierten.
Was lässt sich daraus schließen? - Der neue Bundeskanzler und seine Regierung sind mitten im Informationskrieg angekommen. Inwiefern dieser durch die Gruppierung Storm 1516 beeinflusst wurde, erfahren Sie weiter unten. Die Angriffe auf Merz als neuer Kanzler kommen gleichzeitig von russischen, amerikanischen und inländisch-extremistischen Akteuren, sind professionell orchestriert, medienwirksam und treffen auf eine nur schwache kommunikative Gegenwehr.
Die gefälschte Merz-Website deutet auf technisch versierte, strategisch denkende Urheber hin. Der vermeintliche Kokainfund hingegen ist ein Beispiel für die simple, aber enorm wirksame Taktik, eine Lüge in ein reales Bild zu projizieren und sie dann durch prominente Multiplikatoren massenhaft zu verbreiten. Kurz: Unterschiedliche Instrumente, vielfältige Taktiken – aber ein gemeinsames Ziel: die Delegitimierung demokratischer Akteure durch gezielte Desinformation.
Abgesehen von einem schlichten „Stimmt nicht“ und einem #Debunking, das erst nach der weiten Verbreitung der Desinformation erfolgt, bleibt aktive Ab- und Gegenwehr weitgehend aus. Frankreich hingegen reagiert mit einem an ein Meme erinnernden Post, der nicht nur Fakten richtigstellt, sondern auch ein starkes eigenes Narrativ setzt. Damit wird versucht, die eigentliche politische Botschaft des gemeinsamen Ukraine-Besuchs wieder in den Mittelpunkt des Diskurses zu rücken – und zugleich die durch das vermeintliche „Koks-Video“ gewonnene zusätzliche Aufmerksamkeit gezielt für ein wirksames Messaging jenseits klassischer Ansprachen und Absichtserklärungen zu nutzen. Eben leicht verständlich runtergebrochen: “THIS IS EUROPEAN UNITY TO BUILD PEACE.”
Quelle: https://x.com/Elysee/status/1921676720995782761 (besucht am 13.05.25)
Ähnliche Ansätze strategischer Kommunikation gab es auch in Deutschland bereits. Vergleiche beispielhaft zwei viel beachtete X/Twitter-Antworten des Auswärtigen Amts auf Englisch, in denen mit Verweis auf den Nicht-Verzehr von Haustieren und durch die Kontextualisierung deutscher Geschichte auf Aussagen des US-AMs Marco Rubio reagiert wurde. Warum die Bundesregierung in der aktuellen Situation nicht auf die erprobte Expertise des Auswärtigen Amts in der internationalen strategischen Kommunikation über soziale Medien zurückgegriffen hat, bleibt unklar.


Quellen: https://x.com/GermanyDiplo/status/1833808396618764327?lang=de; https://x.com/GermanyDiplo/status/1918397874687361199 (beide besucht am 13.05.25)
Wenn Sie erfahren wollen, was die BReg hätte alternativ machen können und welche Rolle StartCom auf Social Media spielt, dann abonnieren Sie jetzt den Informationsraum und empfehlen Sie uns Ihren Kolleg:Innen und Bekannten.
RUS Beeinflussung der Bundestagswahl 2025: Storm-1516
Die Kampagne rund um Storm-1516 orientierte sich stark am Scheitern der Ampelregierung 2024. Innerhalb kurzer Zeit wurden über hundert gefälschte Nachrichtenseiten mit deutsch klingenden Namen registriert (vgl. Technischer Bericht des AA Doppelgänger Kampagne; Bericht der Schwedischen Behörden) – ein zentrales Element russischer koordinierten Desinformationskampagne, die stark auf inszenierte oder KI-manipulierte Videos setzt. Diese Inhalte werden gezielt über Fake-Seiten und soziale Medien, oft auch durch vermeintliche Influencer:innen, verbreitet. Es gibt Verbindungen zur russischen Organisation „Foundation to Battle Injustice“ (R-FBI), die von Jewgeni Prigoschin gegründet wurde – jenem Oligarchen und Wagner-Chef, der bis zu seinem Tod im August 2023 maßgeblich an der Organisation und Finanzierung russischer Einflussoperationen beteiligt war und als Gründer der berüchtigten Trollfabrik „Internet Research Agency“ gilt.
Wie aus einem exzellenten Bericht von CeMAS und Alliance4Europe hervorgeht zielen die Kampagnen beider Organisationen darauf ab, insbesondere die CDU und die Grünen durch schwerwiegende Falschbehauptungen – etwa Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige (vgl. Vorwürfe gg. Habeck) – zu diskreditieren. Dabei ist es den Akteuren gelungen, die klassische “Desinformationsblase” auf Social Media Plattformen zu durchbrechen: Auf TikTok erzielten entsprechende Videos teils Hunderttausende, in einem Fall sogar 1,7 Millionen Aufrufe. Inhalte der russischen Organisation R-FBI wurden zudem von AfD-nahen Accounts, darunter auch ein AfD-Bundestagsabgeordneter, auf Plattformen wie Facebook, X und Telegram weiterverbreitet. Einige DEU betreffende “Highlights” aus einem aktuelle Bericht von Frankreichs Desinformationsbehörde VIGINUM die Storm 1516 zugerechnet werden:
Die Behauptung, dass die UKR einen Anschlag auf die DEU BOT in Kyiv planen würde, aus dem Oktober 2023.
Berichterstattung in italienischer Sprache, die das U.S. State Department als Urheber der auch DEU betreffenden Doppelgänger Kampagne erklärt, März 2024.
Ukrainer hätten eine deutsche Moschee zerstört in Unterstützung Israels, Juli 2024.
Eine Fake Website, die im November 2024 Falschinformationen zur Einführung einer Wehrpflicht für 500.000 Soldaten zur Absicherung Osteuropas verbreitete.
Sowie ein englischsprachiger Artikel in dem von einem erfundenen Abkommen zwischen DEU und KEN berichtet, wonach 1.9 Mio kenianische Menschen nach DEU zum Arbeiten kommen sollten.
Interessanterweise werden auch Falschbehauptungen rund um eine Kokainabhängigkeit von Kamala Harris der Gruppierung Storm 1516 zugeordnet. Beweise für eine Verbindung zwischen der jüngsten “Koks-Desinfo” und Storm 1516 konnten noch nicht identifiziert werden.
Kein Strom = Kein Faktencheck: Desinformation im Kontext des spanischen Blackouts
Am 28. April kam es in Spanien und Portugal zu einem flächendeckenden Blackout. Die Desinformation, die daraufhin kursierte, zeigt exemplarisch die cascading effects solcher Ausfälle – etwa das Ausbleiben von Faktenchecks und die Verbreitung von Falschinformationen durch noch aktive Radiostationen oder andere mediale Multiplikatoren. Der aktuelle EDMO-Bericht bietet eine Übersicht über die zentralen Falschinformationen.
Fake Von der Leyen Statement
23 Minuten nach Beginn des Stromausfalls, um 12:56 Uhr am 28. April (11:56 Uhr in Portugal), tauchte ein angeblicher CNN-Artikel in portugiesischer Sprache auf. Darin wurden erfundene Aussagen von Ursula von der Leyen verbreitet, in denen sie den Ausfall einem russischen Cyberangriff zuschrieb und diesen als Bedrohung für die europäische Souveränität bezeichnete. Es war die erste Desinformation, die im Zusammenhang mit dem Stromausfall entdeckt wurde. Nach dem Facebook-Post auf Portugiesisch verbreitete sich der Inhalt auch auf anderen Plattformen wie WhatsApp und in mehreren Sprachen – darunter Englisch, Spanisch, Polnisch, Russisch und Indonesisch – selbst nachdem sowohl die Europäische Kommission als auch CNN Portugal klargestellt hatten, dass es sich um eine Falschinformation handelte. Derweil hielt der Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel weiter an – in weiten Teilen wurde die Versorgung erst am 29. April um 11:15 Uhr vollständig wiederhergestellt.
Das “atmosphärische Phänomen”
Ein weiteres Desinformationsnarrativ während des Stromausfalls behauptete, das portugiesische Energieunternehmen Redes Energéticas Nacionais (REN), das Pendant zum spanischen Betreiber Red Eléctrica Española (REE), habe die Ursache des Ausfalls auf ein „seltenes atmosphärisches Phänomen“ in Spanien zurückgeführt.
Einige Medien griffen diese Behauptung als vermeintliche Tatsache auf. CNN Portugal etwa berichtete, die Information stamme aus einer Eilmeldung der Nachrichtenagentur Reuters, die sich angeblich auf REN-Quellen berief. REN dementierte jedoch, eine solche Aussage getroffen zu haben. Wie Reuters gegenüber dem katalanischen Faktencheck-Projekt Verificat mitteilte, wurde die entsprechende Meldung wieder zurückgezogen. CNN Portugal veröffentlichte den Beitrag (korrigierte ihn später aber) um 16:08 Uhr (spanischer Zeit). Auch britische Medien wie Sky News (16:03 Uhr) und die BBC (16:07 Uhr) berichteten zu diesem Zeitpunkt über das angebliche Phänomen, nannten aber keine Quelle und haben ihre Artikel bis jetzt nicht korrigiert.
Im Anschluss daran verbreiteten sich auf X (ehemals Twitter) zahlreiche Beiträge mit Screenshots dieser Medienberichte, in denen das „seltene atmosphärische Phänomen“ in mehreren Sprachen genannt wurde – darunter Englisch, Deutsch und Italienisch. Bis zum 7. Mai 2025 hat Red Eléctrica Española (REE) noch keine offizielle Erklärung zu den Ursachen des Stromausfalls auf der Iberischen Halbinsel veröffentlicht; die Untersuchungen dauern an. Obwohl wir nicht unabhängig bestätigen konnten, ob Reuters tatsächlich eine solche Meldung verbreitet hat, erschien der erste bekannte Beitrag zu diesem Thema bereits um 16:01 Uhr – noch vor den Veröffentlichungen von CNN Portugal, BBC oder Sky News. Er wurde auf Englisch vom chinesischen Staatssender CGTN veröffentlicht, der im jüngsten Bericht des European External Action Service (EEAS) für die „Koordination und Verstärkung informationsmanipulativer Operationen“ genannt wird.
Falsche Satellitenbilder
Im Zuge des großflächigen Stromausfalls auf der Iberischen Halbinsel kursierten in sozialen Netzwerken manipulierte Satellitenbilder, die Spanien und Portugal komplett im Dunkeln zeigten – während der Rest Europas beleuchtet erschien. Diese Bilder, u. a. durch das prorussische Pravda-Netzwerk verbreitet, wurden etwa auf ihrer katalanischen Seite und dem belgischen Kanal am 29. April gepostet. Wie Maldita.es belegt, waren viele dieser Darstellungen falsch: So wurden etwa Gebiete wie Frankreich oder die Balearen als „dunkel“ gezeigt, obwohl sie nicht betroffen waren.
Quelle: EDMO Bericht https://edmo.eu/publications/disinformation-about-the-blackout-went-around-the-world-impersonated-media-rare-atmospheric-phenomenon-and-russian-networks/ (besucht am 13.05.25)
Falschinformationen wurden auf Englisch, Deutsch, Italienisch, Russisch, Arabisch oder Indonesisch verbreitet. Einige von ihnen – etwa angebliche Satellitenbilder – wurden von russischen Desinformations- und Propagandanetzwerken wie Pravda verbreitet. In anderen Fällen wurden Medienorganisationen gezielt imitiert, ähnlich wie bei der Doppelgänger Kampagne oder Operation Matryoshka, die beide Russland zugeschrieben werden.
Rumäniens Wiederholungswahl: Diesmal ohne Einflussnahme?
Während Versuche, Wahlen durch Desinformation zu beeinflussen – insbesondere durch rechtsextreme Akteur:Innen – in jüngster Vergangenheit vermutet wurden, etwa bei der Europawahl 2024 und der Bundestagswahl 2025 (mit russischen FIMI-Operationen, Doppelgänger-Kampagnen und digitaler Mobilisierung), markierte die rumänische Präsidentschaftswahl 2024 einen tatsächlichen Wendepunkt und eine neue Eskalationsstufe: Erstmals wurde eine Wahl in der EU aufgrund nachgewiesener Desinformation annulliert. Auslöser war der überraschende Wahlerfolg des Rechtspopulisten Călin Georgescu, eines ehemaligen AUR-Politikers, der als unabhängiger Kandidat antrat und dessen Kampagne nachträglich vom rumänischen Verfassungsgericht mit koordinierten russischen Einflussoperationen in Verbindung gebracht wurde. Rumänien ist seit 2007 fest in den gemeinsamen politischen und sicherheitspolitischen Raum der EU eingebunden. Die koordinierte und anhaltende Beeinflussung des rumänischen Informationsraums ist daher kein isoliertes Phänomen, sondern verdeutlicht vielmehr die anhaltende Ausnutzung struktureller Verwundbarkeiten innerhalb der EU-Mitgliedstaaten durch externe Akteure wie Russland.
Am vergangenen Wochenende fanden Neuwahlen statt, doch die Lage und die Stimmauszählung waren angespannt. Georgescu wurde inzwischen von der politischen Bühne verdrängt. Nach seiner Festnahme im vergangenen Jahr und den laufenden Ermittlungen wurde ihm die Kandidatur de facto untersagt. Nun lief es alles auf eine Stichwahl zwischen zwei gegensätzlichen Lagern hinaus: George Simion (AUR), ein ehemaliger Fußball-Hooligan mit rechtsextrem-euroskeptischem Kurs, tritt gegen den proeuropäischen Kandidaten Nicușor Dan (Gründer der USR-Partei, jetzt unabhängiger Kandidat) an.
Simion, der sowohl von der Ukraine als auch von der Republik Moldau zur Persona non grata erklärt wurde, genoß, ähnlich wie zuvor Georgescu, indirekte Unterstützung durch russlandnahe Netzwerke. So hat der Kreml-Ideologe Alexander Dugin, der oft als Vordenker von Putins neofaschistischer Eurasien-Doktrin bezeichnet wird, Simion öffentlich als “Feind unseres Feindes” gelobt. Die gezielte Einflussnahme aus Moskau scheint nach dem Ausscheiden Georegescus lediglich ihr Gesicht verändert zu haben.
Simion profitierte nach wie vor von einer starken Präsenz auf TikTok sowie von einer Welle rechtsextremer Rhetorik, in deren Zentrum die Idee eines “Großrumäniens” steht. Memes und reichweitenstarke Influencer*innen mit zweifelhaften politischen Verbindungen verstärken seine Kampagne - ein aus dem Arsenal moderner Desinformation hinlänglich bekanntes Muster. Laut Medienberichten hat TikTok inzwischen zehntausende Fake-Accounts gelöscht, die mit Simion und Georgescu in Verbindung stehen sollen. Außerdem präsentierte sich Simion als Stimme des ländlichen Rumäniens, als Verteidiger gegen vermeintliche Eliten und als patriotischer Hoffnungsträger, der dem Land nach Jahrzehnten politischer Stagnation und korruptionsgeprägter Regierungen seinen „alten Glanz“ zurückgeben will. Seine Rhetorik erinnert dabei nicht zufällig an das MAGA-Narrativ, Simion gilt auch als Bewunderer Donald Trumps und Fan von Giorgia Meloni. Im Kontext europaweit wachsender EU-Skepsis wurde Rumänien so zum nächsten Testfall für die demokratische Resilienz der Europäischen Union.
Georgescu, der mittlerweile nicht mehr im Rennen war, unterstützte Simion öffentlich – und dürfte hoffen, dass sich ähnliche Vorwürfe wie jene gegen ihn nicht auch gegen seinen ideologischen Nachfolger erheben. Seit seiner Festnahme am 26. Februar 2025 sind zahlreiche Anschuldigungen öffentlich geworden: von mutmaßlichen Sicherheitskräften mit Verbindungen zur Wagner-Gruppe bis hin zu koordinierten Desinformationskampagnen zur Destabilisierung der politischen Ordnung. Bemerkenswerterweise erhielt Georgescu bereits vor seiner Inhaftierung Sympathiebekundungen von Elon Musk und JD Vance, was die Debatte über ausländische Einflussnahme zusätzlich anheizt und verkompliziert.
Im Vergleich zu seinem Vorgänger gab sich Simion im Tonfall zurückhaltender. Offenbar war er bemüht, moderate Wähler:Innen nicht zu verschrecken und die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden zu vermeiden. Doch seine harte Linie gegen militärische Unterstützung für die Ukraine blieb bestehen – ein Thema, das ihn auch international in den Fokus rückte. In Brüssel wuchs die Sorge, dass sich Rumänien unter Simions Führung dem informellen anti-europäischen Block um Ungarn und die Slowakei anschließen könnte.
Die Desinformationsbemühugen erwiesen sich jedoch diesmal unzureichend, denn die Wahl nahm eine positive Wendung. Der proeuropäische Kandidat und Bürgermeister von Bukarest, Nicușor Dan, gewann mit 54,2% der Stimmen, während sein Kontrahent Simion auf 45,8% kam. Simion versuchte zunächst, Dans Sieg abzustreiten. Er erklärte sich selbst zum Wahlsieger, verbreitete anschließend Falschinformationen über angebliche Wahlmanipulationen und rief zu landesweiten Protesten auf. Dies war ein gezielter Versuch, die ohnehin angespannte Lage in Rumänien weiter zu destabilisieren. Angesichts des deutlichen Stimmenunterschieds konnte Simion das Wahlergebnis nicht länger ignorieren und gratulierte Dan schließlich in einem Facebook-Video zum Sieg. Darin inszeniert er sich als “lone wolf” gegen das System und kündigt an, weiterzukämpfen.
Die starken Siegesbilder von Nicușor Dan aus den Straßen Bukarests stehen einmal mehr symbolisch für die Hoffnung, dass Desinformation bekämpft und überwunden werden kann.
Quelle: Nicușor Dan X https://x.com/NicusorDanRO/status/1924209930040447036?s=46 (besucht am 19.05.25)
Haben Informationsoperationen den Ausgang der Wahlen beeinflusst? Das ist nicht die entscheidende Frage. Die eigentliche lautet: Auf welche Weise und in welchem Ausmaß kam es zur Beeinflussung? Eine eindeutige Antwort ist schwer zu geben, denn obwohl sich die Anzahl an Fake-Accounts, Beiträgen und Narrativen messen lässt, sagt das wenig über deren tatsächliche Wirkung aus. Dem Diskurs zur Wirkungsmessung von Desinformation und Einflusskampagnen widmen wir uns in einer der kommenden Ausgaben.
Nun richtet sich der Blick der EU auf die Präsidentschaftswahlen in Polen, deren zweite Runde am 1. Juni stattfindet. Darüber berichten wir in unserem nächsten Newsletter.
Desinformation und kognitive Kriegsführung im Konflikt zwischen Indien und Pakistan
Der aktuelle Konflikt zwischen Indien und Pakistan wird nicht nur mit Waffen, sondern ebenso mit Bildern, Videos und Narrativen geführt. Im Zentrum stehen Behauptungen über angebliche Luftschläge sowie abgeschossene Jets und Drohnen – symbolische Erzählungen, die militärische Überlegenheit und strategische Kontrolle über die „Blackbox“ Kaschmir markieren sollen. Ein solches Setting schafft ein Informationsvakuum, das gezielt für Desinformation genutzt wird. Viele der kursierenden Meldungen lassen sich nicht in Echtzeit verifizieren – ein idealer Nährboden für Deepfakes, Spieleszenen als angebliche Kampfaufnahmen und weitere Formen manipulierten Inhalts, die dort wirken, wo gesicherte Fakten fehlen.
ARMA 3 - täuschend echt?
Ein prägnantes Beispiel für die gezielte Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung im Rahmen kognitiver Kriegsführung ist die Verbreitung eines falsch-kontextualisierten Videos, das angeblich den Abschuss eines indischen Kampfjets durch die pakistanische Flugabwehr zeigt. Das Material stammt in Wirklichkeit aus dem Videospiel Arma 3 und wurde fälschlich als reale Kampfszene präsentiert – ein Vorgang, der exemplarisch für die strategische Nutzung digitaler Inhalte, in diesem Fall von Gaming-Content von Youtube, in Konfliktlagen steht. Bemerkenswert ist, dass dieses Video teils sogar von offiziellen Stellen zitiert und weiterverbreitet wurde
Deep Fake Pressekonferenz
Ein besonders aufsehenerregender Fall kognitiver Kriegsführung im aktuellen Indien-Pakistan-Konflikt ist ein Deepfake-Video, das den pakistanischen Armeesprecher General Ahmed Sharif Chaudhry zeigt. Darin scheint er öffentlich den Verlust zweier pakistanischer Kampfflugzeuge einzuräumen – ein Eingeständnis, das politisch brisant wäre. In Wahrheit wurde die Tonspur einer älteren Pressekonferenz aus dem Jahr 2024 gegen eine manipulierte Audiospur ausgetauscht, Bild und Lippenbewegungen dabei täuschend echt synchronisiert. Das Video verbreitete sich rasend schnell: Auf der Plattform X/Twitter wurde es fast 700.000 Mal geteilt und zunächst sogar von namhaften indischen Medien wie NDTV, The Statesman und Firstpost übernommen. Erst durch eine Analyse von Bellingcat konnte die Fälschung aufgedeckt werden – ein eindrückliches Beispiel dafür, wie schnell selbst etablierte Medien auf professionelle Desinformation hereinfallen können. X hat es inzwischen geschafft eine Community Note an den Post zu heften.
Social Media Bans
Im Zuge der eskalierenden Spannungen hat die indische Regierung am 28. April 2025 den Zugang zu den Social-Media-Konten zahlreicher pakistanischer Prominenter – darunter Schauspieler, Musiker und Sportler – für Nutzer*innen in Indien gesperrt, offiziell als Reaktion auf den Pahalgam-Anschlag. Die Maßnahme steht im Kontext einer breiter angelegten Informationsstrategie, in der eben auch manipulierte Videos, Deepfakes und emotionalisierende Narrative zum Einsatz kommen, um Deutungshoheit zu erlangen und öffentliche Wahrnehmung gezielt zu beeinflussen. Der Konflikt zeigt: Krieg wird längst nicht mehr nur militärisch, sondern ebenso als Kampf um Aufmerksamkeit, Meinung und kulturelle Anschlussfähigkeit geführt.
Mobile Games GEGEN Desinformation: The FEED
Wie viel Zeit verbringen Sie auf Social Media? Vielleicht antwortet der eine oder andere beschämt mit „Viel zu viel.“ Aber was oder wer sorgt eigentlich dafür, dass wir User:innen stundenlang durch den Feed von Instagram, TikTok oder Facebook scrollen und dabei unzählige (mehr oder weniger) inhaltlich oder orthographisch korrekte Posts überfliegen, die uns zur weiteren Lektüre animieren?
Mit dieser Frage beschäftigte sich die Landesanstalt für Kommunikation (LfK) in Stuttgart, welches in Zusammenarbeit mit den Entwicklerstudios Playing History und Suspicious Games das Serious Game The Feed für Mobile Devices entwickelte.
In dem Spiel übernehmen die Spieler:innen die Rolle eines Praktikanten in einem großen Social Media-Unternehmen und entscheiden, welche Inhalte den Usern angezeigt werden, beobachten deren Reaktionen und sammeln Daten, um die Nutzer möglichst lange online zu halten.
Die Studios und die LfK verfolgten bei der Entwicklung von The Feed folgende Zielsetzung:
Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses von Algorithmen in Social Media in Bezug auf Meinungsbildung
Thematisierung übergreifender Aspekte wie kommerzielle Interessen von Social Media-Konzernen, Schutz und Analyse von Daten, individualisierte Werbung sowie konkrete Phänomene wie Hate Speech und Mobbing, Filterblasen und parasoziale Beziehungen
Metabotschaft: „Mein Social Media Feed basiert auf meinen Aktivitäten und Datenspuren im Internet, die von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz verwendet werden“
Das Spiel, welches bereits in der Entwicklung mehreren Testings zur Einbindung der Zielgruppe unterzogen wurde, soll in gesellschaftswissenschaftlichen Schulfächern wie Gemeinschaftskunde, Religion, Ethik und Deutsch ab Klasse 7 eingesetzt werden und bietet Begleitmaterial für Lehrkräfte und Schüler.
The Feed wurde für den Goldenen Spatz im Wettbewerb „Interaktives & Digitales Storytelling“ nominiert und ist auf Google Play und im App Store kostenlos erhältlich.
Der Kampf um Aufmerksamkeit, Wahrheit und Vertrauen ist längst Realität. Wenn Sie dabei nicht nur zusehen, sondern verstehen wollen, was passiert – abonnieren Sie den Informationsraum und leiten Sie ihn weiter. Alle zwei Wochen. Klar. Kompakt. Kritisch.
…denn viele Dinge, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, wirken heute umso stärker. Der Informationsraum hilft, sie zu erkennen.
Lassen Sie sich nicht täuschen und bis in zwei Wochen,
das Team vom Informationsraum




